Scheibenstrasse 41
Vielschichtig weiterbauen
Wer wissen will, wie das «Breitsch» in Bern tickt, stellt sich an die Scheibenstrasse. An dieser Pulsader des trendigen Breitenrainquartiers wird gewohnt und gearbeitet, werden Tattoos gestochen und Glacé verkauft, gespielt und gefeiert. Hatten der Bäcker, der Metzger und der Lebensmittelhändler sich das erträumt, als sie um 1895 just an dieser Strasse – inmitten von Feldern – mit den ersten drei Bauten ein kleines Zentrum errichteten?
Für Piazza Meier Architekten war es nur folgerichtig, die Erweiterung der Nummer 41 – des mittleren der 130-jährigen Häuser – auf die Scheibenstrasse auszurichten. Auch galt es, einer hybriden Situation gerecht zu werden: Während hinter den drei ältesten Häusern verkehrsberuhigte Gassen zu Reihenmietshäusern samt Vorgärten aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts führen, verläuft am einen Ende der Scheibenstrasse der Autobahnzubringer, am anderen Ende begegnen sich auf dem Stauffacherplatz die Quartierbewohner, während Glacé-Liebhaberinnen vor der Gelateria di Berna Schlange stehen.
Der Scheibenstrasse zugewandt
Das schmale Haus in der Mitte der Dreiergruppe erhielt eine zweigeschossige Aufstockung, die mit einem Flachdach abschliesst. Ein Gestaltungsentscheid der breit diskutiert wurden. Die Denkmalpflege hätte ein Mansarddach bevorzugt. Die gewählte Holzelementbauweise ist für eine Aufstockung hingegen prädestiniert – nicht nur wegen ihres geringen Eigengewichts auf dem Bestandsbau, sondern auch aufgrund des hohen Vorfertigungsgrads. Gerade in einem verdichteten Gebiet wie an der Scheibenstrasse, so Simon Hügli, der ausführende Holzbauer, sei es wichtig, dass der Hauptteil des Bauprozesses im Werk erledigt werden könne. «Die Aufrichte der Elemente auf Platz ist dann sehr effizient, in diesem Fall dauerte es 2,5 Tage.» Aufwendig war hingegen das Baugerüst, das teils auf das alte Schrägdach, teils auf Nachbardächern gestellt werden musste und während der Aufstockung zeitweise frei stand und laufend in der neuen Konstruktion neu verankert werden musste.
Die Fassade wurde mit schiefergrünem Faserzementplatten verkleidet, die an im Quartier verwendete Baumaterialien und Farben erinnern. «Die Largo-Platten von Swisspearl bieten eine Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten», sagt Holzbauer Hügli. Eine solche Flächenwirkung und dauerhafte Färbung wären mit einer Holzverkleidung nicht zu erreichen.»
Im Kontrast zu den Platten stehen – links und rechts der Öffnungen – schlichte Pfeiler aus Eichenholz. Im gleichen Schieferton gestrichene Fensterläden und ein einzelner Eichholzpfeiler, der das Vordach im Erdgeschoss stützt, verbindet Alt und Neu zu einer Einheit. Diese Wahrnehmung verstärkt das Attikageschoss, das zur Scheibenstrasse hin bündig mit der Vorderfassade abschliesst und seitlich zugunsten des denkmalgeschützten Backsteinbaus zurückspringt. In der nordöstlichen Ecke des Dachgeschosses öffnet sich ein Fenster mit französischem Balkon Richtung Autobahnzubringer und zu den Gebieten, die künftig im Fokus der Stadtentwicklung stehen.
Sorgfalt und Vielschichtigkeit
Das überzeugende Konzept und die feinsinnige Gestaltung finden im Innern eine konsequente Fortsetzung; wenn auch mit etwas weniger Mitteln. «Die Scheibenstrasse ist Teil der Substanz», sagen die Architekten. «Für uns war deshalb die Aussenansicht sehr wichtig. So steckten wir den Grossteil des Baubudgets in die Fassade.»
In den neuen Etagen sind deshalb die Holzwände unverkleidet, und die bestehenden Geschosse wurden weitgehend belassen. Holzböden aus der Entstehungszeit liegen neben Steinböden aus einer späteren Umbauphase. Auch das Treppengeländer aus den 1960ern und die schlichten Holzplatten, die auf die ursprünglichen Holztüren der Serviceräume aufgesetzt wurden, durften bleiben. So vielschichtig die Strasse ist, so vielschichtig ist auch das Haus. «Diese Spuren möchten wir stehen lassen und unsere eigenen hinzufügen. Nachkommende Generationen werden es dann nochmals ganz anders machen», so Piazza Meier.
Wohnraum klug genutzt
Von aussen würde man kaum erwarten, dass der schmale Turm neben einer Atelierwohnung, einer 5-Zimmer- und einer Duplexwohnung auch noch eine Cluster-Wohnung mit drei Zimmergruppen beherbergt. Die gemeinsame Küche befindet sich im Erdgeschoss, die Wohnräume der Cluster-Wohnenden sind auf verschiedene Etagen verteilt. Im Innenhof kommt die Gemeinschaft in den Genuss eines lauschigen Gärtchens, und von der Dachterrasse reicht die Sicht bis in die Berner Alpen.
Eigens entworfene Objekte ergänzen die schlichte Materialisierung: Auf der Dachterrasse schützt ein ornamental perforiertes Segel des Designers Joshua Valentin vor Hitze und Sonneneinstrahlung, für den Eingangsbereich im Erdgeschoss hat er eine Deckenleuchte, einen Spiegel und einen Wandblumenhalter entworfen.
- Anno
- 2024
- Stato del progetto
- Costruito
- Architekt
- Piazza Meier Bern
- Ingenieure
- Weber + Brönnimann
- Fassadenbau
- Holzbau Hügli AG








