Der Sonnenschutzhersteller Griesser setzt sich für umweltschonendes Bauen ein. Bis 2035 möchte das Familienunternehmen klimaneutral produzieren. Ein neues Werk in Nenzing in Vorarlberg zeigt beispielhaft, welche technologischen Neuerungen dafür nötig sind. Auch die Produktpalette ist im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit gestaltet: Griesser stellt Produktdeklarationen für die Gebäudelabel DGNB und LEED zur Verfügung und bietet zwei MINERGIE-Modul Sonnenschutzsysteme an. Zudem wird Green Aluminium aus nachhaltiger europäischer Produktion verarbeitet, um CO2-Emissionen signifikant zu senken.
In einer ersten Architekturdebatte im Rahmen der Artikelserie »Energiewunder Sonnenschutz« zeigte Griesser, wie Läden und Markisen, also Bauteile, die die Firma selbst herstellt, Lowtech-Bauten ohne aufwendige Klimatechnik kühl halten. Eine zweite Gesprächsrunde fragt nun, welche grundlegenden politischen und architektonischen Weichenstellungen für ein umweltfreundliches, ressourcenschonendes Bauen vorzunehmen sind.
Warum werden Baumaterialien trotz knapper Ressourcen oft verschwenderisch eingesetzt?
Daria Kovaleva: Weil Rohstoffe im Vergleich zu den Lohnkosten relativ gesehen zu günstig geworden sind. In den Nachkriegsjahrzehnten waren Beton und Stahl wertvolle Güter, deren effizienter Einsatz oberste Priorität hatte. Entsprechend sparsam ging man damit um: Avantgardistische Architektinnen und Ingenieure entwickelten hauchdünne Schalentragwerke, die wir heute bewundern. Diese Konstruktionen erforderten zwar aufwendige Schalungen und unzählige Arbeitsstunden – das war jedoch vertretbar, da manuelle Arbeit verhältnismäßig preiswert war. Als die Materialkosten sanken und die Löhne stiegen, ging man zu geometrisch stark vereinfachten Konstruktionen über, wie etwa massiven Deckenplatten. Diese verschlingen zwar unglaublich viele Ressourcen, sind aber schnell und einfach umzusetzen. Wirtschaftlich ist das leider attraktiv.
Ronan Crippa: Hinzu kommen unsere übersteigerten Komfortansprüche: In heutigen Neubauten wird der Schallschutz zum Beispiel so ausgelegt, dass man die Nachbarn auf keinen Fall hört. Das erfordert extrem materialaufwendige Konstruktionen.
Salome Bessenich: Viele Bauherrschaften und Fachleute scheuen das Risiko: Sie setzen lieber auf bewährte Konstruktionen, die von den Bewilligungsbehörden ohne kritische Rückfragen akzeptiert werden, statt neuartige, sparsame Lösungen zu erwägen.
Wie lässt sich das ändern?
Salome Bessenich: Es ist letztlich die Aufgabe der Architektinnen und Ingenieure, zu beweisen, dass es auch anders geht.
Ich sehe auch die Politik in der Pflicht. Wir brauchen eine CO2-Bepreisung, damit Baumaterialien einen Preis erhalten, der ihren Umweltkosten, also den wirtschaftlichen Verlusten durch Umweltzerstörung und Ressourcenausbeutung, entspricht.
Salome Bessenich: Die Politik ist mit in der Verantwortung, und die Preise sind zweifellos eine wichtige Stellschraube. Allerdings wären sehr starke Markteingriffe nötig, denn Materialien müssten drastisch verteuert werden. Viel einfacher ist die Einführung eines CO2-Budgets, sprich eines Grenzwerts für die Emissionen bei der Erstellung. Ich favorisiere diesen Ansatz auch, weil die Politik lediglich den Rahmen vorgibt, die konkreten technischen Lösungen aber den Fachleuten überlässt. Sie können von Projekt zu Projekt entscheiden, wie der CO2-Ausstoß niedrig gehalten werden kann.
Um solche Regeln einzuführen, brauchen wir jedoch die Initiative der Fachverbände: Mehrheitsfähig ist nur, was von außen gefordert wird. Wenn die Politik im Alleingang versucht, Grenzwert zu erzwingen, scheitert sie.
Timothy Allen: Wir haben der Ostschweizer Gemeinde Grabs im Rahmen einer Gesetzesrevision vorgeschlagen, einen Materialnachweis nach Vorbild des Energienachweises einzuführen. Das scheiterte kläglich. Bisher hat keine Schweizer Gemeinde CO2-Grenzwerte festgesetzt.
Salome Bessenich: Es zeichnet sich ein Umdenken ab: In den neuen MuKEn, den Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich, sind Grenzwerte bereits Thema, und im Kanton Basel-Stadt wird ein Vorschlag für Obergrenzen bei den Erstellungsemissionen ausgearbeitet. Vermutlich wird das Limit noch über dem liegen, was Klimaexpertinnen und -experten fordern, doch es wäre ein wichtiger Schritt.
Andreas Ruby: Die Honorare der Planenden müssen von den Baukosten entkoppelt werden. Momentan werden materialaufwendige, teure Konstruktionen mit einer hohen Bezahlung belohnt. Dagegen werden Architektinnen und Architekten wirtschaftlich benachteiligt, die mit großem Zeitaufwand und viel Kreativität sparsame Lösungen entwickeln oder mit gebrauchten Bauteilen gestalten. Die Vergütung muss sich in Zukunft nach der Qualität der geistigen Arbeit bemessen.
Ronan Crippa: Als Architektinnen und Architekten arbeiten wir tatsächlich weniger wirtschaftlich, wenn wir uns für klimafreundliches Bauen einsetzen. In der Praxis erweisen sich aber die Mehrkosten für Bauten aus Holz, Lehm oder Gebrauchtteilen als das größere Problem: Gerade professionelle Bauherrschaften wählen am Ende aus Sorge um ihre Renditeziele doch lieber Standardkonstruktionen und lassen zunächst innovative Projekte abändern.
Daria Kovaleva: Ich bin überzeugt, eine CO2-Bepreisung wird kommen. Als Architektin und Forscherin motiviert mich das, denn ich bin gefordert, ganzheitlich zu denken: Ich muss materialsparend konstruieren, emissionsarme Baustoffe einsetzen und die Kreislauffähigkeit mitdenken.
Beim Konstruieren mit Beton, meinem Forschungsfeld, wird der Leichtbau eine Renaissance erleben. Oft wird übersehen: Pro Kilogramm ist die CO2-Bilanz von Beton im Vergleich zu anderen Baumaterialien eigentlich niedrig. Erst der viel zu hohe Verbrauch macht ihn zum Problem: Weltweit werden jedes Jahr 30 Milliarden Tonnen verbaut. Digitale Entwurfs- und Produktionsmethoden geben uns die Möglichkeit, extrem materialsparende Betonkonstruktionen zu realisieren, ohne Unmengen an Material für den Schalungsbau zu vergeuden. In meiner Dissertation an der Universität Stuttgart habe ich gezeigt, wie Schalungsabfälle durch wasserlösliche Sandschalungen komplett vermieden werden können.1
Das klingt vielversprechend.
Daria Kovaleva: Heute wäre es möglich, durch optimierte Konstruktionen die Betonnachfrage um 50 Prozent zu verringern. Doch das reicht nicht: Wir müssen den Leichtbau mit Strategien zur CO2-Speicherung im Beton verbinden. Chemisch gesehen könnte Beton die prozessbedingten Emissionen aus der Kalzinierung des Kalksteins durch Karbonatisierung wieder vollständig binden. Das erfordert jedoch noch einige Forschungsarbeit. Die Politik hat das Potenzial bereits erkannt: Das Land Baden-Württemberg fördert gezielt den Einsatz rezyklierter Gesteinskörnungen und deren beschleunigte Karbonatisierung, um Betonabfälle in dauerhafte CO2-Speicher zu verwandeln.
Andreas Ruby: Beton ist ganz klar ein tolles Material, aber eben auch nur eines von vielen. Leider wurde er im 20. Jahrhundert jedoch zum Universalbaustoff und zur »One size fits all«-Lösung. Das fügte nicht nur der Umwelt großen Schaden zu, sondern verarmte auch die Architektur. Materialien müssen wieder bedarfsgerecht eingesetzt werden, wie es vor der Moderne üblich war.
Warum klaffen Forschungsstand und Baupraxis so weit auseinander?
Ronan Crippa: Die Herausforderung besteht darin, die neu entwickelten Baumaterialien zu Systemen zusammenzusetzen. Einen Rohbau aus Lehm zu erstellen, ist nicht schwer. Doch wie löst man die Anschlüsse und wie gestaltet man die Gebäudehülle? Diese Fragen müssen zunächst in Pilotprojekten geklärt werden.
Timothy Allen: Manche Menschen fragen uns, warum wir mit Dreck bauen, wenn sie unsere Lehmhäuser sehen. Wir müssen noch sehr viel Aufklärungsarbeit leisten, bevor Bauherrschaften, Unternehmer und Handwerkerinnen Materialien wie Lehm akzeptieren.
Salome Bessenich: Innovation ist immer eine Frage der Risikobereitschaft. Am Schluss müssen alle Beteiligten neuartige Konstruktionen mittragen, etwa auch die Versicherungen. In der Praxis sehen diese aber heute schon Recyclingbeton als Problem an und übernehmen keine Dichtungsgarantien.
Wie könnte man sie umstimmen?
Salome Bessenich: Wir haben ein systemisches Problem und brauchen einen gesamtgesellschaftlichen Kulturwandel. Ich wünsche mir zum Beispiel auch Richterinnen und Richter, die sich bei einem Streitfall nicht blind an einer Norm orientieren, sondern auch an der Präambel, die stets besagt, dass man entsprechend der Leitlinie oder gleichwertig bauen darf.
Daria Kovaleva: Um Akzeptanz zu schaffen, sind Schauprojekte wichtig. Darum wird auf dem Campus der Universität Stuttgart für ihren Exzellenzcluster Integratives computerbasiertes Planen und Bauen für die Architektur, kurz IntCDC, ein neues Forschungsgebäude gebaut, das Teil der Internationalen Bauausstellung 2027 sein wird. Dabei werden alle Technologien eingesetzt, die seit der Gründung des IntCDC 2019 erforscht wurden.
Andreas Ruby: Technische Leistungsnachweise sind wertvoll, doch der Schlüssel zur Bauwende liegt in der Ästhetik und den Emotionen. Wenn das 21. Jahrhundert das Jahrhundert der Suffizienz sein soll, dürfen wir keine ideologische Diskussion führen. Wir sollten nicht von Verzicht sprechen, sondern über Schönheit durch Weglassen. Lasst uns aus dem Suffizienzgedanke heraus eine neue Architektursprache entwickeln. Lasst uns Bauten gestalten, die auf tatsächlich vorhandene Bedürfnisse reagieren. Lasst uns fragen, wie viel genug ist.
Baukünstlerisch kann es ein großer Gewinn sein, Selbstsuffizienz zu üben. Ein wunderbares Beispiel aus der Architekturgeschichte ist das Zisterzienserkloster Chorin bei Berlin: Die ganze Anlage ist mit einer begrenzten Anzahl aus Ton gebrannter Maßsteine gebaut – einschließlich aller Ornamente, Rosetten, Gewölbe- und Fensterbögen. Vorbild sein kann auch der soziale Wohnungsbau auf Mallorca: In den letzten zehn Jahren wurden Wettbewerbe mit strengen Emissionsverbrauchsgrenzwerten ausgeschrieben. Diese ließen sich mit den üblichen Betonkonstruktion nicht einhalten, wohl aber mit lokalem Sandstein. Zwar erlaubt dieses Material keine so großen Spannweiten wie Stahlbeton, doch junge Architektinnen und Architekten entwickelten mit Lust und Neugier Grundrisse, die trotz der vermeintlichen Einschränkungen ein Gefühl von Offenheit verströmen, und überwölbten sie mit beeindruckenden Natursteindecken.
Den Gewinn des Verzichts in Zukunft besser zu kommunizieren, gehört für mich zu meinen wichtigsten Aufgaben als Architekturvermittler. Bislang gelingt uns das noch gar nicht.
Ronan Crippa: Verstehen müssen wir auch, dass wir viel gewinnen, wenn wir unsere Anspruchshaltung zurückfahren: Vielleicht bilden sich in Lehmwänden einige unschöne, aber unbedenkliche Risse. Doch dafür ist das Raumklima viel gesünder: Die Luftqualität ist besser, und das Haus schimmelt nicht.
Daria Kovaleva: Leider sprechen wir in der akademischen Welt gerade in technischen Disziplinen selten über Ästhetik. Dabei ist sie entscheidend für die Akzeptanz neuer Lösungen, und materialoptimierte Konstruktionen können visuell sehr ansprechend sein. Das habe ich aus den Reaktionen auf unsere großen Demonstratoren gelernt, als wir zum Beispiel Exponate wie den Marinaressa Coral Tree, eine filigrane Betonstruktur, an der 18. Architekturbiennale von Venedig ausstellten.
Mit Ressourcen verantwortungsbewusst umzugehen, würde auch bedeuten, Bauabfälle zu vermeiden. Doch aktuell verursacht die Bauwirtschaft in der Schweiz über 80 Prozent des Abfalls.
Andreas Ruby: Abfall muss teuer werden. Es ist viel zu günstig, Dinge wegzuwerfen. Wir täten aber auch gut daran, unsere Denkhaltung zu ändern: Es gibt keinen Müll, sondern nur Ressourcen. Was nicht mehr gebraucht wird, muss sortenrein getrennt und anderswo wiederverwendet werden. Und Materialien, die sich nicht recyceln oder noch einmal nutzen lassen, müssen sehr kostspielig sein.
Salome Bessenich: Hier sehe ich politischen Handlungsbedarf, halte aber Ideen wie ein generelles Abrissverbot momentan nicht für mehrheitsfähig. Gleichwohl fände ich eine solche Regel interessant – nicht, weil ich konservativ eingestellt wäre, sondern weil ich für das Weiterbauen bin. Was für Architekturen würden entstehen, wenn man nur noch umbauen oder nur Gebrauchtteile nutzen dürfte?
Nötig wäre eine Argumentationsumkehr auf Gesetzesebene: Heute muss man eine Unterschutzstellung erwirken, um einen Abriss zu verhindern, und die Verpflichtung zum Erhalt wird als tiefer Eingriff in die Eigentumsfreiheit wahrgenommen. Richtig wäre eine Umkehr der Beweislast, wenn also eine Bauherrschaft vor einem Abbruch beweisen muss, dass ein Ersatzneubau alternativlos ist.
Andreas Ruby: Eine andere Möglichkeit wäre, die Transformation von Gebäuden wirtschaftlich zu bevorteilen. Heute werden häufig Ersatzneubauten errichtet, wenn auf einem Grundstück eine höhere Ausnutzung möglich ist. Ein zweigeschossiger Bestand weicht dann zum Beispiel einem viergeschossigen Neubau. Wir brauchen Anreize, die in solchen Fällen eine Aufstockung zur attraktiveren Lösung machen.
Ronan Crippa: Sinnvoll ist neben dem Anreiz auch der Nicht-Anreiz: Zurzeit zonen Schweizer Agglomerationsgemeinden wahllos auf. Viel klüger wäre, in der Raumplanung präzise zu differenzieren und etwa rund um Bahnhöfe eine viel höhere Ausnutzung zuzulassen, während man in abgelegenen Quartieren alles beim Alten lässt.
Timothy Allen: Ich gebe euch in allem Recht. Wir müssen aber weiter vorne ansetzen und den Menschen erklären, welch riesige Abfallmengen beim Abriss eines Hauses entstehen und was mit diesem Material geschieht. Viele wissen nicht, dass Bauabfälle kaum getrennt und recycelt werden, sondern auf überfüllten Deponien laden. Wir müssen in der Bevölkerung ein Bewusstsein für dieses Umweltproblem schaffen. Zusätzlich brauchen wir Normen und Baureglemente, die auf das Weiterbauen ausgerichtet sind. Ich bin überzeugt, wir könnten mehr Umbauten realisieren, wenn uns Behördenauflagen, Denkmalschutzbestimmungen und Komfortnormen weniger einbremsten.
Das führt uns zu einer verzwickten Frage: Wie können wir den Wohnungsmangel beseitigen, wenn wir nicht neu bauen wollen?
Salome Bessenich: Der größte Hebel ist der Wohnflächenverbrauch. Heute beansprucht eine Person im Schweizer Durchschnitt über 46 Quadratmeter. Würde dieser Wert um 5 Quadratmeter sinken, könnten wir 10 Millionen Menschen im jetzigen Gebäudepark unterbringen. Inwiefern sich diese Rechnung sozial und architektonisch umsetzen ließe, ist ein anderes Thema. Aber insbesondere im Einfamilienhausbestand schlummert noch viel Potenzial.
Ist das ein Plädoyer für Belegungsvorschriften, wie wir sie von einigen Genossenschaften kennen?
Salome Bessenich: Das wäre zwar zielführend, ist aber politisch unvorstellbar. Belegungsvorschriften wären ein sehr starker Eingriff in die persönlichsten Bedürfnisse der Menschen wie das Verbleiben in einer vertrauten Umgebung. Sinnvoll könnte dagegen eine Lenkungsabgabe sein, die bei übermäßigem Wohnraumverbrauch fällig wird und jene belohnt, die wenig Wohnraum verbrauchen.
Andreas Ruby: Ich halte nichts von erzwungenem Verzicht. Lieber würde ich den Gewinn hervorheben, den es bedeutet, nicht allein zu sein. Mir kann niemand erzählen, dass es glücklich macht, der einzige Bewohner eines Einfamilienhauses zu sein. Tatsächlich haben wir ein sozialpsychologisches Problem mit Einsamkeit. In Zukunft wird es für die mentale Gesundheit unserer Gesellschaft von größter Bedeutung sein, dass Menschen Strategien gegen das Alleinsein finden.
Eine konkrete Lösung ist das Clusterwohnen oder das radikalere Hallenwohnen. Dabei leben die Leute in einer sozialen Familie aus Mitbewohnenden. Aber auch Einfamilienhäuser bieten großes Potenzial. Wir sollten es Besitzerinnen und Besitzern wirtschaftlich leicht machen, eine zusätzliche Nutzung ihres Hauses zu ermöglichen. Sie könnten Extrawohnungen für Studierende oder Pflegekräfte einrichten oder Minikitas für die Nachbarschaft einbauen. An der TU Berlin haben Nanni Grau von Büro Hütten & Paläste und Jan Engelke dieses Thema in einem Entwurfsstudio behandelt. Parallel starteten Andreas Hild und Thomas Auer an der TU München ein spannendes Forschungsprojekt zur Nachverdichtung von Einfamilienhaussiedlungen, bei dem sie unter anderem fragten, wie sich die Bebauung der Abstandsflächen auswirken würde. Und in der Schweiz unterstützt MetamorpHouse Interessierte beim Umbau von Einfamilienhäusern.
Ronan Crippa: Nicht vergessen sollten wir den ökonomischen Faktor: Menschen, die ihr Erspartes in ein Eigenheim gesteckt haben und vielleicht noch eine Hypothek bedienen müssen, können sich nicht ohne Weiteres den Wegzug in eine Wohnung leisten. Alternativangebote müssen erschwinglich sein.
Timothy Allen: Der Wohnraummangel ist kein Mengen-, sondern ein Verteilungsproblem. Wir arbeiten gerade in drei Projekten daran, Einfamilienhäuser in zwei oder sogar drei Einheiten zu unterteilen. Bei solchen Umbauten stoßen wir immer wieder an baurechtliche Grenzen – auch weil die Bestandsbauten wenig Flexibilität bieten. Wir lernen daraus, dass es darauf ankommt, Neubauten als robuste, wandelbare Strukturen zu entwerfen, die man leicht anpassen kann. Doch der größte Hebel für ein zukunftsfähiges Bauen bleibt das Vorhandene: Architektinnen und Architekten müssen Kuratorinnen und Anwälte des Bestands sein.
1 Daria Kovaleva, Zero-Waste Sand Formworks for Lightweight Concrete Structures (Dissertation, Universität Stuttgart, 2025).
Salome Bessenich ist Kunst- und Architekturhistorikerin. Sie gehört der SP-Fraktion im Großen Rat des Kantons Basel-Stadt an und engagiert sich bei der Gruppe Countdown 2030. Als Redakteurin Umwelt & Raumplanung schreibt sie für das espazium magazin über umweltfreundliches Bauen. Zudem ist sie Mitglied des Netzwerks Frau+SIA und setzt sich für Diversität und Gleichstellung ein.
Daria Kovaleva forscht am Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart. Die Architektin doktorierte zu abfallfreien Sandschalungen für formoptimierte, ultraleichte Betonstrukturen. Ihre Arbeiten waren an der 18. Architekturbiennale von Venedig zu sehen und wurden im Technischen Museum Nürnberg sowie im Naturkundemuseum Stuttgart ausgestellt.
Timothy Allen und Ronan Crippa gründeten 2022 das Architekturbüro Allen + Crippa. Seit 2024 unterrichten die beiden Architekten an der Universität Liechtenstein. Ihre Arbeit war unter anderem Teil der Ausstellung »Was War Werden Könnte: Experimente zwischen Denkmalpflege und Architektur« im Schweizerischen Architekturmuseum. Timothy Allen gehört dem Stiftungsbeirat der Stiftung Baukultur Schweiz an.
Andreas Ruby studierte Kunstgeschichte und arbeitete anschließend als ständiger Korrespondent für die Architekturzeitschriften Daidalos und werk, bauen + wohnen. Er kuratierte Architekturausstellungen für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt, das Deutsche Architekturzentrum, die Galerie Aedes in Berlin und das Haus der Architektur in Graz. 2008 gründete er zusammen mit Ilka Ruby den Architekturverlag RUBY PRESS. Von 2016 bis Ende 2025 leitete er das Schweizerische Architekturmuseum in Basel. Andreas Ruby hat unter anderem an der Cornell University in Ithaca, New York, der TU in Graz und der ENSAPM in Paris Architekturtheorie gelehrt.